Mai 1990 – Franziska ist nervös. Zum ersten Mal seit der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze fährt sie wieder in Richtung Osten. In Richtung Heimat. Denn obwohl sie mehrere Jahrzehnte in Westdeutschland lebte, hat sie den Ort, in dem sie geboren wurde und in dem sie aufgewachsen ist, nie vergessen. Doch ist diese Reise wirklich so eine gute Idee? Was ist, wenn das alte herrschaftliche Gutshaus nicht mehr steht? Und was wird die Dorfbevölkerung sagen, wenn die eigentliche Erbin von Gut Dranitz einfach so auf der Bildfläche auftaucht? Für Franziska wird es eine sehr emotionale Reise, auf der sie sich nicht nur mit ihrer eigenen Vergangenheit und einer verlorenen Liebe auseinander setzt, sondern auf der sie auch ihre aktuellen Familienverhältnisse neu sortieren muss. Und das mit ihren siebzig Jahren.
„Das Gutshaus“ hat mich wirklich sehr berührt. Anne Jacobs beschreibt nicht nur Franziskas Gefühlsleben, sondern auch die äußeren Umstände so
bildhaft, dass man als Leser ganz tief eintaucht in die Geschichte. Allein schon die Schilderung des Grenzübertrittes. Ich hatte sie wieder vor
Augen, die Situationen, in denen wir für Verwandtschaftsbesuche diese damals noch geschlossene Grenze überquert haben. Die Anspannung meiner
Eltern, weil sie nicht wollten, dass wir Kinder irgendeinen Mucks von uns geben. Weil die mitgebrachten Lebensmittel in Strickanleitungen
eingewickelt waren, die man eigentlich wegen der West-Werbung auf der Rückseite nicht hätte mitnehmen dürfen. Weil eine Fahrzeugdurchsuchung
wirklich bedeutete, dass der Wagen in seine Einzelteile zerlegt wird. Weil sie sich sorgten, trotz einer offiziell genehmigten Besuchserlaubnis
abgewiesen zu werden.
Franziska kommt in dieser Geschichte in ein anderes Ostdeutschland, als das von mir geschilderte. In ein Land, in dem die linke Hand nicht weiß, was die
rechte machen soll. In dem nicht klar ist, wem denn nun was gehört. Bekommt sie Gut Dranitz zurück? Und ist dieses Haus, das vom DDR-System für alle möglichen Nutzungen
zweckentfremdet wurde, überhaupt noch zu retten?
Sie ist eine mutige Frau, die bereit ist, ihr beschauliches und finanziell gut aufgestelltes Leben im Taunus aufzugeben, um einem Traum
nachzujagen, dessen Ausgang ungewiss ist. Das hat mir sehr imponiert.
Immer wieder einmal sind mir in den vergangenen Jahren Reportagen über diese verfallenen, herrschaftlichen Häuser im Osten begegnet, in denen
ambitionierte Träumer versuchen, den alten Kästen wieder Leben einzuhauchen. Durch die Geschichte von Franziska habe ich nun einen ganz anderen
Blickwinkel darauf. Weil für mich plötzlich greifbarer wurde, was für menschliche Schicksale hinter der bröckelnden Fassade stecken. Wieviel Leben
einst hinter diesen Mauern pulsierte. Geschichte zum Anfassen. Solche Bücher liebe ich ja sehr.
Ich habe dieses Buch selbst gekauft und der Artikel spiegelt meine eigene Meinung wider, die von niemandem beeinflusst wurde.