Der öffentliche Bücherschrank — Eine gute Sache oder ein misslungenes Sozialexperiment?

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Der öffentliche Bücherschrank — Eine gute Sache oder ein misslungenes Sozialexperiment?

Keine 500 Meter von unserer Wohnung entfernt steht ein öffentlicher Bücherschrank. Das Konzept dieser sehr stabil gestalteten Vitrine ist denkbar einfach. Jeder, der ein Buch hat, das er nicht noch einmal lesen möchte, stellt dieses hinein. Und jeder, der sich für eines der darin befindlichen Bücher interessiert, nimmt es mit nach Hause. Als Autorin wünsche ich mir zwar grundsätzlich, dass Leser Bücher kaufen, denn damit verdienen wir Geld. Aber als Leserin, Teilzeit-Minimalistin und Mensch finde ich dieses Konzept grundsätzlich sehr, sehr gut. Wie viele Bücher verstopfen die deutschen Wohnzimmer und klagen dringend mal wieder einen gründlichen Hausputz ein? Gelesen werden wohl die wenigsten davon ein zweites oder drittes Mal. Und für all jene, deren Budget klein ist, bietet der Bücherschrank eine schöne Möglichkeit einfach und kostenfrei an neuen Lesestoff zu kommen. Allerdings basiert das Konzept des Bücherschranks darauf, dass sich alle Beteiligten sozial verhalten. Für mich bedeutet das, dass ich grundsätzlich nur Bücher dort hineinstelle, die in einem ordentlichen Zustand und die halbwegs aktuell sind.

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Die Realität sieht jedoch anders aus. Man findet in diesem Schrank allen Ernstes das Lehrbuch für die fleißige Zahnarzthelferin. Druckdatum geschätzt 1950. Wer wird das je wieder lesen? Oder den Konsalik, der 1985 mal jemandem in die Badewanne gerutscht ist und dessen wellige Seiten schon total vergilbt sind. Und was ist mit dem Stephen King, der anscheinend einen fleißigen Leser ein halbes Jahr lang täglich auf dem Arbeitsweg in der Bahn begleitet hat? Dessen Rücken strotzt nur so vor Leserillen und der Einband des Taschenbuchs ist total verschrammelt. Die Buchsammler unter Euch müssen sich jetzt mal die Ohren zuhalten. Meiner Meinung nach gehören solche Bücher ins Altpapier und nicht in einen Bücherschrank.

Womit ich nicht sagen will, dass man alle alten Bücher entsorgen sollte. Auf keinen Fall! Das sind Zeitzeugen und sie können, wenn sie gut gepflegt sind, noch bei vielen für Freude sorgen. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an die Pucki-Bücher, die ich als 8-10-Jährige förmlich verschlungen habe. (Wusstet Ihr eigentlich, dass die Frau, die mit diesen Mädchenbüchern ein erzkonservatives Frauenbild feierte, eine sehr aktive Frauenrechtlerin war?) Über den Inhalt könnten wir heute sicherlich streiten, aber für mich als kleines Mädchen war es großartig Bücher in den Händen zu halten, die schon meine Mutter und ihre Schwestern als Kinder gelesen hatten. Das hat mir viel bedeutet. Aber die fleißige Zahnarzthelferin? Ich schätze, da gibt es heutzutage wertigere Lehrbücher.

Doch zurück zum Bücherschrank. Die zum Teil sehr ungepflegten Inhalte sind nicht der einzige Grund, warum ich den Schrank auch mit einem kritischen Auge betrachte. Er wird nämlich regelmäßig ausgeräumt. Nicht nur die von mir kritisierten Bücher, sondern auch moderne Belletristik verschwindet über Nacht. Kiloweise! Kommt da in der Dunkelheit allen Ernstes ein hungriges Bücherwürmchen vorbei und räumt den gesamten Schrank aus? Ich vermute eher, dass sich da jemand bereichert. Dass jemand die Bücher auf Flohmärkten oder Verkaufsplattformen zu Geld macht. Und das stinkt mir. So funktioniert soziales Miteinander nicht! Deshalb mein Appell an meine Nachbarschaft und die Nutzer des Schrankes: Verhaltet Euch doch bitte so, wie Ihr es Euch auch von anderen wünscht. Dann haben wir alle mehr Freude an solchen Einrichtungen.

Und nun bin ich natürlich neugierig, wie das in Eurer Umgebung ist. Gibt es bei Euch Bücherschränke und wie werden sie genutzt?

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